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Schlussbetrachtung

»Wer ist Gerlich?« war die Ausgangsfrage der Studie gewesen. Für den Herausgeber des ›Geraden Weges‹, den aus der heutigen Perspektive oft prophetisch wirkenden Widerstandskämpfer gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus, ist diese Frage durch die gute Überlieferungslage seit langem recht gut beantwortet. Die vorliegende Untersuchung hat nicht alle Lebensabschnitte des vor 1930 lebenden und politisch und publizistisch wirkenden Stettiners in ähnlich klarer Weise darstellen können. Zu dürftig ist für manche Zeiträume die Quellenlage. Die kreisende, das Umfeld ausleuchtende Beschreibung hat in diesen Fällen dennoch einige Erkenntnisse zu Tage fördern können.

Bereits die ersten schriftlichen Zeugnisse zeigen Gerlich als einen politisch denkenden Kopf, der sich in seinem Umfeld, dem studentischen Linksliberalismus des ausgehenden Königreichs Bayern, eine Stellung als scharfer Kritiker der Unausgewogenheiten des deutschen Bildungssystems, insbesondere des studenti-schen Lebens erwirbt. Die nationalsoziale Grundausrichtung hat ihren Schwer-punkt zunächst auf der sozialen Komponente, während das nationale Element erst vor dem oder im Ersten Weltkrieg – diese Frage ist nicht zu klären – offen zutage tritt. Der unbestreitbar begabte junge Mann aus Stettin hat eine rasche Auffas-sungsgabe und einen ausgesprochenen Hang zur spitzzüngigen Polemik, was ihm nicht nur Freunde macht, ihn im Gegenteil in den Augen vieler Mitmenschen und Kollegen als typischen Aufsteiger erscheinen läßt. Die – über den beliebten Umweg des Archivs – angestrebte Universitätskarriere bleibt ihm verschlossen. Der Erste Weltkrieg sieht ihn als Eiferer hinter der Front. Als Mitglied des Alldeutschen Verbandes, der in München über mehr schlecht als recht getarnte Filialunternehmen seit dem zweiten Kriegsjahr planmäßig den Sturz des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg betreibt, entwickelt er eine Haßliebe zu England und propagiert den uneingeschränkten U-Bootkrieg. In den verschiedenen alldeutschen Zirkeln gehört er – wohl aufgrund seiner Jugend und nur mäßigen gesellschaftlichen Stellung – nicht zur ersten ›Garde‹. Der Ausbruch aus dieser Rolle gelingt ihm durch den Einstieg in die Publizistik. In den ›Süddeutschen Monatsheften‹ Paul Nikolaus Cossmanns und den Historisch-Politischen Blättern für das katholische Deutschland, deren Seiten ihm sein Vorgesetzter im Archiv öffnet, kann er erste Kostproben seiner journalistischen Begabung geben. Über eine solche verfügt er – entgegen dem Urteil späterer Kritiker aus dem Zeitungsmilieu – durchaus, wenn sie ihn vielleicht auch mehr für die Wochenzeitschrift denn die Tageszeitung prädestinierte. Das Projekt einer eigenen Zeitschrift, der ›Wirklichkeit‹ von 1917, scheitert weniger an einem kriegstreiberischen Radikalismus als vielmehr an den Umständen, die die Einschaltung des etwas dubiosen Grafen Bothmer als Herausgeber erforderlich machen. Auch die Kriegszeit mit ihrer Verschärfung des außenpolitischen Programms kann die soziale und vor allem die demokratische Seite seines politischen Credos nicht verdrängen.

Das gesamte Kapitel "Schlussbetrachtung" können hier als PDF-Dokument herunterladen.

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